Äon 1254

»Äon 1254« von Marc Annaheim – Versuch einer Kritik

Inhalt

Ein Mensch erzählt einem jungen außerirdischem Wesen auf dessen Heimatplaneten, wie es dazu gekommen ist, dass er sich hier befindet.

Rezension

Um es vorwegzunehmen: Ich habe es nicht geschafft, die Geschichte »Äon 1254« zu Ende zu lesen. Nach geschätzten drei Anläufen kam ich gerade mal über die ersten zwei Seiten hinaus. Ich versuche es jetzt auch nicht mehr, sie bis ans Ende zu verfolgen – das ist in meinen Augen verschwendete Liebesmühe.

Das mag sich hart anhören, aber: Wenn ein Autor es nicht schafft, den Leser zu fesseln, kann das am unterschiedlichen Geschmack liegen oder auch daran, dass der Text einfach nicht gut ist. »Nicht gut« gilt selbstverständlich für den einzelnen Leser; gleichzeitig kann es ja viele andere Menschen geben, denen dieser Text gefällt.

Ich möchte mich in meiner Betrachtung vor allem auf strukturelle Dinge beschränken und nur einige wenige »deutschtechnische« Dinge anmerken. Die Struktur ist es, die meiner Ansicht nach diesen Text wenig interessant werden lässt – die Details der deutschen Sprache sind dagegen ein vergleichsweise kleines Problem.

Strukturell

Von der Länge her entspricht »Äon 1254« einer Kurzgeschichte. Rein formal ist er von dieser aber weit entfernt: Die theoretische Definition, eine Kurzgeschichte müsse zeitlich wie räumlich eine Einheit bilden, ist nach wie vor gültig. Streng genommen handelt es sich bei »Äon 1254« also um einen Kurzroman oder eine extrem kurze Novelle – dafür steckt dann aber nicht genügend Substanz in dem Text.

Der Text wird mit einem Prolog ein- und mit einem Epilog ausgeleitet. Das ist völlig in Ordnung bei einem Roman, vielleicht sogar bei einer längeren Erzählung. Bei einem so kurzen Text zerschlägt es diesen aber durch zu viel Struktur; dasselbe gilt für Kapitelüberschriften oder zu viele Abschnitte – die heftromanmäßig mit »Sternen« gekennzeichnet werden.

Auch hier passt die Struktur des Textes nicht zusammen mit seiner Länge. Es wirkt, als hätte der Autor oder die Autorin große Ambitionen gehabt, diese aber nicht erfüllen können.

Kommentar des Lektors der Geschichte:

Für die von Klaus beklagten strukturellen Defizite der Geschichte muss ich einen Großteil der Schuld auf mich nehmen. Die Geschichte hatte ursprünglich keinen Prolog und auch keinen Epilog, allerdings unterschied sich dieser Teil von der eigentlichen Geschichte und stand am Anfang bzw. Ende derselben, so dass ich auf die Idee kam diese Teile so zu markieren.

In der Vorlage, die ich hatte, waren die Abschnitte so eingeteilt, wie sie auch jetzt sind, daran wurde also nichts geändert. Die »Sterne« sind allerdings ein Hilfsmittel für die spätere Konvertierung des Textes in verschiedene Formate und in der fertigen Geschichte nicht mehr zu sehen. Sie sind also nur Gliederungshilfen. Allerdings hatte ich vergessen Klaus darauf hinzuweisen.

Christian Lenz

Distanziert

Leider beginnt der Text mit einer extrem distanzierten Abfolge von Sätzen. Wir erfahren, dass es Nacht ist. Wir hören etwas von »einem Gebilde« und von »der Form des unteren Teils« und andere Dinge, die nichts konkretes aussagen, die im Prinzip schwammige Begriffe sind, die einen Leser nicht fesseln und ihm auch kein konkretes Bild geben. Spätestens nach dem ersten Absatz hätte ich als Leser normalerweise aufgehört, diesen Text weiter zu lesen …

Die distanzierte, ja auch passive Sprache hält im Verlauf des Textes an. »Wieder und wieder war den Jüngeren während der Schulungen … berichtet worden«, ist eines von vielen Satzungetümen. Das klingt langatmig und holperig, das schafft keinerlei Bezug zu den handelnden Personen und erzeugt somit nicht den eigentlich sinnvollen Sog, der den Leser mit der Handlung verknüpfen sollte.

Anfang

Problematisch ist auch der eigentliche Anfang; beginnend mit »Es war ein Morgen, wie viele andere auch«. Haarklein erfahren wir, was der Ich-Erzähler so tut. Wir erfahren, wie er aussieht (mit dem ältesten Trick der Literatur, genau das zu erreichen), und dass er zur Polizei muss.

Richtig loszugehen scheint die Handlung erst mit »Doch als ich mich meinem Schreibtisch näherte«. Alles andere davor ist Geplänkel, ist langweilige Voraberzählung, die mich als Leser nicht anspricht und die mich von Satz zu Satz weiter von der Absicht entfernt, mich intensiver mit dem Text zu beschäftigen. Ein Autor sollte versuchen, den Leser so zu packen, dass dieser unbedingt mitfiebern und weiterlesen will. Bei diesem Text dauert es sehr lange, bis die Handlung losgeht, und auch dann packt sie mich nicht.

Kleinkram

»Meine eigene Heimatwelt«: Wenn’s die Heimatwelt ist, kann man das Wort »eigene« streichen. Außer der Erzähler hätte mehrere Heimatwelten, von denen ihm eine persönlich gehört.

»Fing an mich zu rasieren«: Sieht man davon ab, dass hier ein Komma fehlt, ist das »anfangen« falsch. Entweder rasiere ich mich oder nicht. Sobald ich damit »anfange«, habe ich doch bereits mit der Tätigkeit des Rasierens angefangen. Also besser: »Ich duschte kurz und rasierte mich.«

»Als ich nun auf meine Uhr blickte«: Das »nun« kann man ersatzlos streichen, es sagt hier nichts aus. Der ganze Absatz ist aber schlecht strukturiert; das »als« soll Gleichzeitigkeit herstellen, erzeugt aber nur ein Stocken der Handlung.
Gegenvorschlag: »Ich blickte auf die Uhr. Schon halb sieben. Wieder einmal hatte ich zu viel Zeit vertrödelt, und das nur wegen meiner Eitelkeit. Damit fehlte mir die Zeit fürs Frühstück.«

Fazit

Der Autor möge überlegen, welche Art seine Geschichte sein soll, dann müsste er sie stärker strukturieren und generell einen leichteren Zugang zum Geschehen ermöglichen. Erst dann ist es eigentlich sinnvoll, sich um die zahllosen sprachlichen Details und Schwächen zu kümmern, die eine weitere Lektüre des Textes darüber hinaus schwierig gestalten.

Bibliographische Daten

Marc Annaheim: Äon 1254
Zu finden unter: http://www.stories.proc.org/aeon_1254/aeon_1254.html
Die Geschichte gibt es auch in verschiedenen anderen Formaten zu finden unter: http://www.stories.proc.org/scifi.html

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